Eindrücke eines zweimonatigen Aufenthalts in Chile[1]

Von Luise Drüke, Polle

 

Während meines Politologiestudiums an der Technischen Universität Hannover, an der Sorbonne und an der Universität Vincennes in Paris wurde durch Seminare und Gespräche über politische und sozio-ökonomische Probleme der Dritten Welt mein Interesse für Südamerika geweckt. Ich wollte mich ich an Ort und Stelle über die Realität in diesen Ländern informieren, und so reist ich nach Südamerika. Nach Aufenthalten in Argentinien und Peru kam ich nach Chile, wo ich ehne festgelegte Reiseroute und organisiertes Programm den Krisenherd Südamerikas kennenlernen wollte.

Bei meiner Ankunft am 27. Juli an Flughafen Pudahuel in Santiago hatte ich noch keine Ahnung, wo und wie lange ich in Chile bleiben würde. Ziemlich hilflos stand ich zunächst der fremden Umgebung gegenüber, doch die hilfsbereiten chilenischen Beamten der »Banco Nacional«, wo jeder Tourist die Dauer seines Aufenthalts anzugeben und täglich 20 Dollar umzutauschen hat, nahmen sich meiner an. Sie empfohlen mir ein preiswertes Hotel nd zeigten mir auch den Weg dorthin. Am Vorabend war der Chef der »Armada Nacional«, Arturo Araya Peters, durch ein Attentat ums Leben gekommen.

Nun breitete sich eine unheimliche Ruhe in der Stadt aus und man spürte, daß etwas in der Luft lag. Transporteure, Bus- und Taxifahrer waren in den Ausstand getreten. An den von schwerbewaffnetem Militär bewachten Tankstellen stand die Bevölkerung Schlange, um nach stundenlangem Warten wenigstens zehn Liter Benzin zu erhalten. Nur Aerzte wurden ordnungsgemäß bedient. Da also keinerlei Transportmittel zur Verfügung standen, setzte ich mich kurz nach meiner Ankunft im Hotel mit den Eltern eines chilenischen Studienfreundes in Verbindung, denen ich französische Zeitungen und Bücher, die in Chile nur schwer zu bekommen waren, mitgebracht hatte. Mit ihrer letzten Tankfüllung zeigte mir das Ehepaar  die Sehenswürdigkeiten Santiagos und Teile der Vororte, wo die Arbeiter während der letzten drei Jahre auf den von ihnen besetzten Ländereien der Großgrundbesitzer ihre eigenen kleinen Häuser errichtet hatten. Im Gespräch mit meinen Gastgebern lernte ich grundsätzliche Probleme, die dieses Land zu bewältigen hat, genauer kennen.

Was mir in Santiago besonders auffiel, waren die oft kilometerlangen Schlangen, die sich vor Lebensmittelgeschäften bildeten. Allende hatte zwar die Brotprise gesenkt, damit auch die ärmsten Bevölkerungsgruppen über dieses in Chile so wichtige Grundnahrungsmittel verfügen konnten, doch das Mehl reichte nicht aus, um Brot in genügender Menge zu produzieren. Als ich nach Rindfleisch, Butter und Kaffee fragte, lautete die verbitterte Antwort: »Das kennen wir schon lange nicht mehr!«

Viele Fleischer mußten ihre Läden schließen oder sie beschränkten sich auf den Verkauf von Schweinefleisch und Innereien. Puten und Enten sah man häufiger in den Geschäften, doch zu für den Normalverbraucher unerschwinglichen Preisen. Hühner oder andere Fleischwaren waren rationiert oder aber auf dem Schwarzmarkt zum zehnfachen Preis erhältlich. In Diskussionen mit Chilenen aller sozialen Klassen bekam ich immer wieder, vor allem von der jüngeren Generation, zu hören, daß sie liebend gern das Land verlassen würden. Doch das war nicht so leicht, da auf dem freien Markt keine Devisen erhältlich waren. Dadurch besaß der US-Dollar auf dem Schwarzmarkt inzwischen den zehnfachen Wert. Er wurde dort für 2300 Escudos wert war.

In der Hyperinflation der letzten Jahre hatte der Escudo gegenüber dem US-Dollar 350 Prozent an Wert verloren, wodurch eine chaotische Krise auf dem Lohn- und Warenmarkt hervorgerufen worden war. Einmal geriet ich zufällig in das Haus einer entfernt bekannten Familie, die der in Chile sehr starken und einst ausgesprochen wohlhabenden Mittelschicht arabischer Abstammung angehörte. Bei den übrigen anwesenden Gästen, die sich zur Feier einer Goldenen Hochzeit zusammengefunden hatten, handelte es sich, wie ich später erfuhr, um einflußreiche Geschäftsleute der chilenischen Textilindustrie, deren Fabriken seit Allendes Machtübernahme erheblich verkleinert oder ganz verstaatlicht worden waren.

Bald stellte sich heraus, daß ich hier in einen Kreis der verbitterten Opposition hineingeraten war, die durch den »Partido Nacional«, den »Partido Izquierda Radical«, den »Partido Democracia Christiano« und andere rechte Gruppen repräsentiert wurde. Sie versicherten mir, daß sie mit allen Mitteln versuchen würden, die Regierung Allende zu stürzen. Einer meiner Gesprächspartner, Nazir Selmer, Vizepräsident der «Partido Izquierda Radical«, lud mich anschließend zu einem Gespräch mit Luis Bossay, dem Präsidenten dieser Partei, in den »Senado« ein. Bei dieser Gelegenheit wurde mir bestätigt, daß bereits alle Mitglieder der rechtsextremistischen wie der linksradikalen Gruppen bewaffnet und für den in nächster Zukunft zu erwartenden Bürgerkrieg vorbereitet wären. Wörtlich Bossay zu mir: »Noch in der Zeit, die sie hier sind, wird sich etwas tun.«

Das war mir inzwischen auch schon klargeworden; denn die unheilverkündende Ruhe, die ständig durch Attentate, Geschäftsschließungen, Streiks und Demonstrationen unterbrochen wurde, ließ eine äußerst gespannte und unsichere Stimmung entstehen, deren Wirkung sich niemand entziehen konnte. In dieser Situation schienen nur zwei Lösungen möglich: Entweder ein Staatsstreich von rechts oder der schon im Untergrund schwelende Bürgerkrieg. Die untere soziale Klasse, deren sozio-ökonomische Lage nich unter der Regierung Allende immerhin schon ein wenig verbessert hatte, hatte doch immer noch wenig genug zu verlieren und würde deshalb unnachgiebig kämpfen. Die Mittel- und Oberschicht würde ebenso erbittert versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, um nicht das zu verlieren, was ihnen noch erhalten geblieben war.

Nach diesem Gespräch durchstreifte ich die Senatsbibliothek, die über ein erstaunlich umfangreiches Angebot an ausländischer Literatur und Informationsmaterial verfügt. An dieser Stelle möchte ich auf das bemerkenswerte intellektuelle Niveau der chilenischen Bevölkerung hinweisen, das sich sowohl in umfassender Allgemeinbildung als auch in der Kenntnis fremder Sprachen niederschlägt. Auch das politische Leben in Chile ist für ein südamerikanisches Land ungewöhnlich aktiv, vor allem die Arbeiter wissen, worum es geht, und setzen sich bewußt für eine Veränderung ihrer Lage ein. Dies ist sicher ein Verdienst Allendes, das nicht zu gering eingeschätzt werden darf.

Ganz anders zum Beispiel in Peru: Dort herrscht in der unteren sozialen Schicht noch völlige Ignoranz und Resignation. Die Arbeiter und Indios ertränken ihr Elend in selbstgebranntem hochprozentigem Alkohol, was undurchdringliche Apathie zur Folge hat.

Am Beginn der zweiten Hälfte meines Aufenthaltes luden mich Freunde nach Vina del Mar ein, dem Eldorado für Urlauber mit dicken Geldbeuteln. Auch in Portillo, dem Skiparadies in 2000 Meter Höhe, wo 1970 die Skiweltmeinsterschaften ausgetragen wurden, bekam ich die »Sonnenseite« der chilenischen Medaille zu Gesicht. Krasser ist der Gegensatz, so wie ich ihn erlebt habe, wohl nicht denkbar: auf der einen Seite Santiago, diese riesige Stadt, deren Ränder umsäumt sind von den Elendsquartieren der arbeitslosen Landflüchtigen. Armut, Krankheit, Gestank und Dreck bestimmen das Bild. Und dann Portillo, hoch auf schneebedeckten Gipfeln, ein luxuriöser Treffpunkt für den internationalen Jet-Set.

Auch der Süden Chiles interessierte mich. Concepcion, eine Stadt mit etwa 250 000 Einwohnern 530 Kilometer südlich von Santiago, war mein Ziel. Aufgrund des immer noch andauernden Streiks der Transporteure mußte ich per Anhalter reisen. Das war nicht ganz ungefährlich, denn die wenigen Lastwagen, die unterwegs waren, waren ja Streikbrecher und deshalb zahlreichen auf sie gerichteten Anschlägen und Attentaten ausgesetzt. Tatsächlich sah ich an den Straßenrändern immer wieder ausgebrannte, zerbombte Lastwagen, deren Wracks der Landschaft ein trauriges, gespenstisches Aussehen verliehen. Außerdem zwangen die langen gekrümmten Nägel, »Miguelitos« genannt, die die Gegner der Streikbrecher überall auf den Straßen verstreute hatten, um diese am Fahren zu hindern, zum Langsamfahren. Darum war ich froh, noch am späten Abend mein Reiseziel wohlbehalten erreicht zu haben. Hier lernte ich durch Freunde, die für die Deutsche Presse-Agentur arbeiteten, den chilenischen Rundfunkbetrieb ein wenig kennen. Es gab in Chile über ein kleines Sendegebiet verfügten. Die verschiedenen Rundfunk- und Fernsehstationen waren zum größten Teil in Privatbesitz und aufgrund der in Chile herrschenden Presse- und Meinungsfreiheit wurde man mit Informationen aller politischen Richtungen versorgt.

Noch weiter südlich als Concepcion liegen die Siedlungsgebiete der deutschen Einwanderer. Sie leben dort ziemlich abgeschlossen von der chilenischen Umwelt in ihren eigenen Kreisen. Doch ihren Grundsatz, sich nicht zu vermischen, haben sie längst aufgegeben. Bei einem Gespräch mit D. Schäfer, dem Direktor des Goethe-Instituts in Santiago, erfuhr ich, daß die Zahl der Kursusteilnehmer ständig anwächst. Auch die Deutschen Schulen in Chile erfreuen sich großer Beliebtheit, doch muß dazu gesagt werden, daß die Kinder, die auf Deutsche Schulen geben, immer aus sozial höheren Schichten kommen.

Da sich die Lage vor allem in Santiago bedrohlich zuspitzte, beschloß ich, noch eine weitere Woche dort zu bleiben, um die Ereignisse in der Hautstadt aus nächster Nähe mitzuerleben. So kam es dann, daß ich während einer der täglichen Demonstrationen den persönlichen Fotografen Allendes Ricardo Cabrera Tapia, kennenlernte und dieser mir kurz darauf ein Zusammentreffen mit dem Staatschef selbst ermöglichte. Bei unserem Gespräch lernte ich in Allende einen Mann kennen, der noch zum Zeitpunktes des allgemeinen Chaos von einer friedliche. Lösung der Krise überzeugt war. Er sagta »Ich werde alles tun, um mein Land um mein Volk vor dem Bürgerkrieg zu bewahren.«

Die harten Auseinandesetzungen, die er mir der immer stärker werdenden Opposition gehabt hatte, konnten seinen guten Willen nicht schwächen, doch war sein Gesicht von den Anstrengungen und Sorgen gezeichnet. Nach den jüngsten Ereignissen, die sich am Tage meiner Abreise bereits ankündigte bliebt mir nur noch zu sagen, daß ich mit dem chilenischen Volk fühle und hoffe, daß es kein allzu großes Blutvergießen und Leid erdulden muß; denn ich habe es sehr lieb gewonnen.



[1] Published in: Taglicher Anzeiger/Holzmindener Presse, Montag, 8 Oktober 1973, p. 3.